So, also, endlich, war es soweit. Meine Gastfamilie ist vergangene Woche zum Skifahren für eine Woche in Urlaub gefahren und ich hatte endlich ein wenig Ruhe. Gleichzeitig hat es auch noch die ganzen Tage geregnet ohne Ende, was mir die Wahl, mein heimliches Lieblingsprogramm durchzuziehen nur noch begünstigt hat: Nichts machen. Wenn ich nicht grad zur Schule musste, oder, so wie Sonntag und Mittwoch, nicht Eva oder Paula bei mir zu Hause hatte, lag ich in meinem Bett und habe Filme geguckt, geskypet und einfach nicht nachgedacht, nicht gearbeitet. Herrlich. Die Krönung kam dann Donnerstag Nacht: Paula, Mélanie, Anna und ich sind mit dem Nachtzug nach Rom gefahren!!! Von Freitag früh bis Sonntag Abend haben wir die ewige, die heilige, die prachtvolle Stadt durchlaufen, erkundet, genossen, erlebt. Für mich war es ja bereits das zweite Mal, aber das ist wie das erste Mal. Gleich am ersten Tag waren wir gezwungen, so gegen sieben Uhr Morgens unsere Touristentouren zu starten, da unser Hostelzimmer erst ab 15 Uhr beziehbar war, deswegen kamen wir in den Genuss, eines einmaligen Spektakels oder besser gesagt, keines Spektakels: Der Trevi-Brunnen und die Spanische Treppe völlig verlassen von jeglicher Menschenseele! Nur die Mitarbeiter der Straßenreinigung waren am Werk, es war ein lustiges Bild. Da der Tag also noch so jung und lang war, haben wir es doch tatsächlich geschafft, Rom in einem Tag zu erkunden. Allein am Freitag sind wir von unserem Hostel am Bahnhof Termini zum Monument von Vittorio Emanuele II, nen kurzen Blick auf das Forum Romanum und das Kolosseum von weitem (irgendwas mussten wir uns ja für die weiteren Tage aufsparen), zum Trevi-Brunnen, Spanische Treppe, Piazza del Popolo, am Tiber entlang zum Castel S. Angelo, dann zum Vatikan, Petersdombesichtigung, Pizza essen und zu Fuß über den Corso Vittorio Emanuele II an der Piazza Navona und dem Pantheon vorbei zurück über die Piazza della Repubblica zum Hostel am Bahnhof. Und das nach einer Zugabfahrt um Mitternacht und NULL Schlaf im Zug. Abends sind wir dann sogar noch ins Theater gegangen, um uns Romeo und Julia anzuschauen, weil die preiswertesten Plätze nur 11 Euro gekostet haben und weil Riccardo Scamarcio uns den Romeo gemacht hat. Der halbe Bereich mit den Plätzen in unserer Preisklasse war besetzt von nervös kichernden Mädels im Alter zwischen 14 und 20 und wir unterschieden uns von denen nur durch die Tatsache, dass wir viel zu müde waren, um nervös aufgeregt zu wirken. Zwischendurch ist jeder von uns auf schon mal eingeschlafen.
Am nächsten Tag haben wir uns dann für gewisse Dinge mehr Zeit genommen, wie dem Centro Storico und vor allem dem Kolosseum, der Bocca della Verità und ein wenig Geschäfte durchforsten. Sonntag gings dann nach Trastevere und den Campo de' Fiori und wieder vorbei an unseren altbekannten Lieblingsplätzen Piazza di Spagna (Paula und ich hatten in diesen Tagen einen unverkennbaren Sensor dafür, ausgerechnet Spanier zu fragen, ob sie z.B. evtl. ein Foto von uns machen können oder so etwas.) und der Fontana di Trevi. Nachts um Mitternacht gings dann wieder zurück in den Zug, der uns nach Ligurien bringt und damit raus aus diesem Traum des wirklichen, lebendigen und vibrierenden Italiens. Wir haben eine unmenge an interessanten und lustigen Menschen getroffen, wie eine lustige Schulklasse aus New York, einem verliebten Kellner mittleren Alters, der Paula eine Gabel Spaghetti Carbonara in den Mund geschoben hat, einem indischen Regenschirmverkäufer, der sich gnadenlos von Mél hat runterhandeln lassen und dann von ihr zur Sau gemacht wurde, weil der Regenschirm beim Öffnen auseinandergefallen ist, ein anderer Kellner, der uns ein Herz auf die Papiertischdecke gemalt hat und ich mit einem Teddybären, dem ein Schwert in seiner Brust steckt, geantwortet habe, der Typ, der mit seinem T-shirt-, Flaggen- und Souvenirstand Geld verdienen wollte und mir wie eine beleidigte Zicke die Deutschlandflagge aus der Hand riss, als er gemerkt hat, dass Paula und ich nur Fotos machen wollen, die Ukrainin, die Paula und mir ganz schön auf die Nerven ging, als sie meinte, noch ein Glas Wein sei viel cooler und erwachsener als jetzt endlich Essen zu gehen oder Sara, die Napoletanerin, die mit uns feiern gehen wollte, aber nur Mél bekommen hat, weil Paula und ich ins Hostel wollten und Mél drei Stunden später in der Disco herausgefunden hat, dass Sara höchstwahrscheinlich lesbisch ist.
Für drei Tage sind wir dem engen Genua entflohen und haben nicht an unsere Pflichten, Probleme und Zukunft gedacht, sondern waren ganz normale Mädels auf Touri-Tour mit unseren Fotokameras (ich allein habe 388 Fotos gemacht) und unserem Wunsch, mal ein bischen echtes Italien zu erleben. Ich könnte jederzeit wieder zurück.
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